Ein komplexer und oft missverstandener Beruf
Sexarbeit ist in Frankreich ein komplexer und oft missverstandener Beruf, der von einem rechtlichen Rahmen geprägt ist, der sowohl historische als auch zeitgenössische Einstellungen zur Prostitution widerspiegelt. Zwar ist Prostitution an sich legal, doch die Gesetze rund um diese Praxis haben für Sexarbeiter*innen erhebliche Herausforderungen mit sich gebracht, die sich auf ihre Sicherheit, ihre Autonomie und ihre Fähigkeit auswirken, in einem sicheren Umfeld zu arbeiten.
Einer der zentralen Widersprüche im französischen Umgang mit Sexarbeit besteht darin, dass die aus Sexarbeit erzielten Einkünfte zwar steuerpflichtig sind und angegeben werden müssen, Sexarbeitern jedoch nach wie vor die vollen Rechte und der Schutz verwehrt werden, die anderen Berufsgruppen zustehen. Dies führt zu einer Situation, in der Sexarbeiter die Pflichten jedes anderen Arbeitnehmers erfüllen – Steuern zahlen und zur Wirtschaft beitragen –, ihnen jedoch die entsprechenden Rechte und der entsprechende Schutz verwehrt werden. Vor diesem Hintergrund lässt sich argumentieren, dass der Staat selbst eine Rolle spielt, die der eines „Zuhälters“ ähnelt: Er profitiert von der Arbeit der Sexarbeiter*innen, ohne die rechtliche und soziale Unterstützung zu gewähren, die mit solchen Verpflichtungen einhergehen sollte. Diese Heuchelei verdeutlicht die tiefgreifenden Mängel und Widersprüche innerhalb des derzeitigen Rechtsrahmens.
In Frankreich wurde der rechtliche Umgang mit Sexarbeit stark von abolitionistischen Ideologien geprägt. Historisch gesehen zielte der Abolitionismus darauf ab, die Regulierung der Prostitution abzuschaffen, wobei Sexarbeiter*innen als Opfer betrachtet wurden, die einer Wiedereingliederung bedürfen. Diese Sichtweise hat sich weiterentwickelt: Der moderne Abolitionismus strebt die vollständige Ausmerzung der Prostitution an, oft in der Überzeugung, dass sie Gewalt gegen Frauen darstellt. Infolgedessen befinden sich Sexarbeiter*innen in Frankreich in einer prekären Lage, gefangen zwischen Gesetzen, die Aspekte ihrer Arbeit unter Strafe stellen, und gesellschaftlichen Einstellungen, die ihren Beruf stigmatisieren.
Eine der größten Herausforderungen für Sexarbeiter*innen in Frankreich ist die weit gefasste Definition des Begriffs „Zuhälterei“ (proxénétisme) im französischen Recht. Diese Definition kann ein breites Spektrum an Aktivitäten umfassen, darunter auch solche, die ansonsten als unterstützende oder einvernehmliche Vereinbarungen angesehen werden könnten. So können beispielsweise die gemeinsame Nutzung eines Arbeitsraums oder die Unterstützung durch Freunde oder Familienangehörige rechtlich als Zuhälterei ausgelegt werden, was zu einer weiteren Isolation und Verletzlichkeit der Sexarbeiter*innen führt.
Das Syndicat du Travail Sexuel (STRASS) steht an vorderster Front beim Einsatz für die Rechte von Sexarbeitern in Frankreich. STRASS lehnt sowohl den abolitionistischen als auch den regulierenden Ansatz ab und argumentiert, dass diese Rahmenbedingungen die Autonomie und die Rechte von Sexarbeitern nicht respektieren. Stattdessen setzt sich STRASS für die Anwendung des allgemeinen Rechts (droit commun) auf die Sexarbeit ein, wodurch die mit diesem Beruf verbundenen spezifischen Strafbestimmungen aufgehoben würden und Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter denselben rechtlichen Schutz genießen könnten wie Angehörige anderer Berufe.
Ein zentraler Bestandteil der Lobbyarbeit von STRASS ist das Engagement für die Entkriminalisierung der Sexarbeit. Dazu gehören die Abschaffung von Gesetzen, die Freier unter Strafe stellen, sowie die Aufhebung von Rechtsvorschriften, die unterstützende Beziehungen als Zuhälterei einstufen. Durch das Eintreten für diese Veränderungen möchte STRASS die Stigmatisierung und die rechtlichen Hindernisse abbauen, die Sexarbeiter*innen daran hindern, ihre Rechte und den ihnen zustehenden Schutz in vollem Umfang in Anspruch zu nehmen.
Darüber hinaus setzt sich STRASS für die Anerkennung von Sexarbeit als legitime Erwerbstätigkeit ein, die dieselben Rechte und denselben Schutz verdient wie jeder andere Beruf. Dazu gehören der Zugang zu Sozialleistungen, rechtlicher Schutz vor Ausbeutung sowie die Möglichkeit, sich zu organisieren und gemeinsam zu arbeiten, ohne eine Strafverfolgung befürchten zu müssen.
Trotz aller Herausforderungen setzen sich Sexarbeiter*innen in Frankreich weiterhin für ihre Rechte ein und fordern Anerkennung und Respekt. Der Kampf für die Entkriminalisierung und die Anwendung des Gewohnheitsrechts geht weiter, wobei STRASS an vorderster Front für eine Zukunft eintritt, in der Sexarbeiter*innen in Würde, Sicherheit und Autonomie arbeiten können.
Weitere Informationen über STRASS und deren Engagement finden Sie auf der Website unter https://strass-syndicat.org/.
Angesichts der sich ständig weiterentwickelnden Situation der Sexarbeit in Frankreich ist klar, dass die Stimmen und Erfahrungen der Sexarbeiter*innen selbst im Mittelpunkt jeder Diskussion stehen müssen. Der Weg in die Zukunft liegt nicht in paternalistischen Ansätzen, die auf „Rettung“ oder Kontrolle abzielen, sondern darin, Sexarbeiter*innen zu befähigen, ihre eigene Zukunft frei von Stigmatisierung und Diskriminierung zu gestalten.